GOOD TO GO: Destination des Monats

Dubai Überdrüber

Der Golf-Turbo Dubai startet mit Vollgas in die Expo-Saison. Neben den gewohnten Superlativen und unerhörtem Luxus setzt man dabei vor allem auf Sustainability und Kultur. Ein Exklusiv-Report von CC VIP-Autor Robert Haidinger.

Feucht & fröhlich

Oval, wellig, ein Hauch von Perlmuttglanz: Die neueste Attraktion Dubais erinnert ein wenig an eine große, wellige Auster, die sich ins staubtrockene Hinterland dieser verrückten Stadt verirrt hat. Aber nicht so weit, dass Kronprinz Sheikh Hamdan bin Mohammed bin Rashid Al Maktoum sie übersehen könnte. Dazu muss man wissen: Der junge Hamdan ist leidenschaftlicher Taucher. Notfalls auch in einer so sandigen Gegend wie dem NAS Sports Complex, der mit dem tiefsten Schwimmbecken der Welt aufwarten kann. 60 Meter geht es im Deep Dive Dubai schnurgerade nach unten! Es fasst das Wasservolumen von sechs Olympischen Sportbecken. Eine versunkene Stadt gibt es hier auch. Abtauchen in der Wüste Ganz so tiefschürfend ist meine kurze Badepause im knapp neun Kilometer entfernt gelegenen SLS Dubai Hotel & Residences vielleicht nicht. Aber immerhin haben die Interiordesigner des ersten SLS im Mittleren Osten eine bunte Badewannenente an den Beckenrand des Infinitypools gerückt – in der Größe einer ausgewachsenen Kuh. Superlative-City verpflichtet – auch später, beim Blick über den Tellerrand des zum Haus gehörenden Steakrestaurants Carna by Dario Cecchini: zartrosa Australian Wagyu-Beef, NY Strip Style „450 days grain fed“ … Dazu, hinter den raumhohen Scheiben: zartrosa Wolken, die soeben die Architekturrakete des Burj Khalifa in wechselnde Schleier hüllen. Den Tanz der Dubai Fountain sieht man von hier aus zwar nicht, aber dass diese Stadt nicht müde wird, weiß man auch so.

Futuristisch & spektakulär

Wer Dubai für ein paar Monate oder gar Jahre den Rücken gekehrt hat, darf sich über eines sicher sein: Das Emirat ist an allen Enden und Ecken weitergewachsen. Nicht nur an der finalen Ausstiegsstelle der eigens für die Expo verlängerten Metro-Linie, wo seit Anfang Oktober 190 Länderpavillons und futuristische Solarbäume aus dem Boden wachsen. „Connecting Minds, Creating Future“ lautet das Motto der größten Weltausstellung aller Zeiten. Da ist etwas dran. Erst recht an einem Ort, der als Goldgrube im Wüstensand Tourismusgeschichte geschrieben hat und immer weiterschreibt, und der nun verstärkt auf Vielfalt setzt. Neue, spektakuläre Museen sind dabei entstanden. Spannende Trendviertel, die genauso gut im urbanen Substrat von London Shoreditch oder Miami Wynwood reifen könnten, laden nun zum Besuch ein. Eine ganze Reihe spannender Hotel-Openings macht hellhörig: Neben dem SLS Dubai lädt das St. Regis on Palm Jumeirah zum ersten Ladies-only Afternoon Tea „Her by Caroline Astor“ – die spektakulär übereinander getürmten Kuben des The Royal Atlantis Dubai in Sichtweite. Dass man auf der trockenen Arabischen Halbinsel den Sternen ganz besonders nah ist, erkennt man auch an der Dichte der Five-Star-Hotels rund um die Luxusherberge von Zaha Hadid. Ihr im fluiden Stil designtes ME Dubai by Meliá ist eine Architekturikone in Dubai Downtown – und typisch für das Werk der mittlerweile verstorbenen Londoner Dekonstruktivistin. Darüber hinaus überrascht Dubai aber auch mit weiteren neuen Unterkünften: Ganz oben auf der Liste stehen instagramtaugliche Hotels mit urbanem Boutiquecharakter. Am Strandabschnitt La Mer, einem beliebten Amüsierviertel, eröffnete Rove La Mer, noch neuer ist das 25hours-Hotel im Dubai One Central District. Ergänzend zum Überdrüber-Luxus versucht sich Dubai heute nämlich auch als hochkarätiges Budget-Reiseziel zu positionieren.

Aufbauend & unterhaltsam

Gelato für 690 Euro : Vielfalt à la Dubai, das hält selbstverständlich auch jede Menge Skurriles bereit. Die App des Herrn Rashid Al Ghurair, nebenbei CEO eines Ölunternehmens, schließt etwa eine Lücke in Sachen Benzinversorgung und sorgt dafür, dass die Tankstelle zum geparkten Auto kommt – in Form eines eigenen Tankwagens. „Petrol Pump to Go“ mag cool sein. Ich verkneife es mir trotzdem, genauso wie die 690 Euro teure Eiskugel „Black Diamond“, mit der das Scoopi Café aufhorchen lässt: italienische Trüffel, iranischer Safran und 23-Karat-Goldflocken, die angeblich auf der Zunge zergehen. Eine ganz andere Neuheit schickt einen lieber im Kreis zwischen Himmel und Bluewater Island hin und her: Die Rede ist vom Ain Dubai, das als weltgrößtes Riesenrad für Furore sorgen wird. Mit 210 Metern Höhe sorgen die AirCon-Kabinen ab 21. Oktober für ganz neue Blicke auf die Boomtown am Golf. Dubai im Herbst 2021 verspricht aber noch mehr: Langsam wird das Emirat nämlich erwachsen, entdeckt das eigene Erbe, vertieft den Umgang mit Kunst und Design. Einer der jüngeren Hingucker liegt in DIFC, dem Dubai International Financial Center, und erinnert meinen Taxifahrer beim Vorbeifahren an einen Donut. Allerdings an einen ziemlich großen mit silbrig glänzender Alu-Haut und mit vierzehn LED-Kilometer langen Kalligrafien, die aus der poetisch gestimmten Feder des Herrschers Al Maktoum persönlich stammen. Die Rede ist vom neuen Museum of the Future, einer Meisterleistung der Ingenieure des Londoner Buro Happold. Was im Inneren des neuen Museumbaus gezeigt wird, mutet dagegen fast schon wieder Retro an: Co-Working von Robotern und Menschen und Klimawandel sind Teil des musealen Angebots.

Kulturreich & formvollendet

Dubai für Sightseeing- und Kulturfans, das ist ein tagefüllendes Versprechen: Da wäre zum Beispiel der 150 Meter hohe, begehbare Bilderrahmen Dubai Frame, durch dessen Glasboden man schwindelerregende Blicke auf die konfektionierten Blumenrabatte des Zabeel Park werfen kann. Im Altstadtviertel Bastakiya erlaubt hingegen das brandneue Al Shindagha Museum Eindrücke von den alten Tagen des fast dörflichen Handelsplatzes. Next Stopp: das Jameel Arts Centre an der Dubai Waterfront. Aus Lautsprechern tönen eigens für das Museums komponierte Werke, während ein südindischer Avantgardekünstler den Arit‘s Garden mit regionaler Wüstenfaun bespielt. Auch Trendhunter werden in der Überflieger-City fündig. Zum Beispiel im Design District, auch bekannt als d3, dem Epizentrum der überregional bedeutenden Dubai Design Week (9.–13.11.2021). Stylishe Szenelokale wie das Molecule finden sich hier ebenso wie ein Upcycling-Start-up, das Datteln in kompostierbares Verpackungsmaterial verwandelt. Perfekte Abrundung für Spaziergänge durch dieses „andere“ Dubai: ein Besuch der Alserkal Avenue, dem Galerie-Cluster im Industrieviertel Al Quoz. Die Tage, als Dubais Kunstpioniere hier. Panton Chairs durch verstaubte Fabrikshallen schleppten, sind längst vorbei. Nun laden hier Cafés zwischen internationalen Galerien zum Co-Working ein. Eine Fotoausstellung schärft den Blick für die serielle Ästhetik typisch Dubaier Hochhausfassaden, und das Cinema Akil, lokale Arthouse Institution, hat nach Jahren des Pop-up-Vagabundierens endlich seine feste Bleibe vor Ort gefunden. Am Entree zum Kino serviert das Project Chaiwala seinen Kardamom-Chai in Bollywood-Manier. Luftgetrocknete Kulhar-Teeschälchen aus rotem Lehm türmen sich zur Deko auf. Die altmodischen Stainless-Steel-Teekannen sind blitzblank poliert, und die Punktlandung des One-Meter-Chai in der Tasse klappt perfekt. Was man an einem Ort wie der Alserkal Avenue vor allem lernt: Dubai kann längst auch Shabby Chic und Indiestyle. Und wirkt damit reicher als je zuvor.