GOOD TO KNOW: Branchen-Talk mit Christian Böll, Managing Director von Windrose Finest Travel

„Man muss Tourismus schmecken, riechen und spüren können“

„Wir sind eine Manufaktur für Reisen.“

Christian Böll leitet Windrose Finest Travel seit zehn Monaten als Managing Director. Der 55-Jährige blickt auf 30 Jahre Erfahrung zurück, darunter als Senior Vice President Business Innovation bei DER Touristik sowie als Leiter Produktentwicklung und Marketing bei AIDA Cruises. Das Reisen ist für den begeisterten Skifahrer das höchste Gut. Im Talk mit CC-VIP-Redakteurin Susanne Freitag spricht er unter anderem über sein jüngstes Baby, die Eventreisen zu den „Legends VIP“-Konzerten auf Mallorca.

Herr Böll, wenn Sie auf Ihre ersten Monate bei Windrose zurückblicken – welchen Herausforderungen standen Sie gegenüber und welche Ziele haben Sie sich gesetzt? Die spannende Frage war für mich, wie kommen wir aus der Corona-Zeit heraus? Das waren zwei herausfordernde Jahre für mein Team: Es musste immer wieder umbuchen und Kunden halten, außerdem sind viele Anfragen bedingt durch das höhere Sicherheitsbedürfnis viel zeitaufwendiger geworden. Das war für unsere Reisedesigner eine sehr schwierige Zeit, denn die Lust liegt ja darin, Reisen zu entwickeln, den Gästen ein tolles Angebot zu machen und am Ende zu hören, dass es ihnen gefallen hat. Das war natürlich alles nicht gegeben, als ich angefangen habe. Die zweite große Frage, die ich mir gestellt habe, war, in welche Richtung entwickelt sich Luxus? Hat er sich durch Corona verändert, gibt es ein anderes Buchungsverhalten und neue Bedürfnisse? Das galt es für mich, schnell zu verstehen, um im nächsten Schritt die Strategie anzupassen. Das bereiten wir nun vor. Wir haben eine Marktforschung unter dem High-End-Klientel durchgeführt, um herauszufinden, ob es in dieser Zielgruppe Urlaubsbedürfnisse gibt, die wir noch nicht abdecken.

Was ist denn dabei herausgekommen? Das kann ich leider noch nicht verraten. Unser Ziel für die nächsten Monate ist es, die Learnings zu entwickeln und daraus Programme zu machen. Aber im Kern geht es um die individuell erstellte Manufaktur von Reisen für unsere Gäste. Daran wird sich im Grundsatz auch nicht sehr viel ändern, denn das ist unsere große Kernkompetenz. Wir haben langjährige Mitarbeiter, die regelmäßig in die Destinationen reisen und sich weiterbilden. Das ist ganz wichtig. Viele Gäste haben ganz konkrete Vorstellungen, was sie machen möchten, und genau das ist die Gelegenheit, um ihnen zu zeigen, wo unser Mehrwert ist: Wir bieten Insiderwissen und andere Connections, um neue Ideen zu entwickeln. Trotz der extrem hohen Nachfrage, die wir haben, achte ich darauf, dass unser Team nach zwei Jahren auch wieder reisen kann. Man muss Tourismus schon ein bisschen schmecken, riechen und spüren können.

Was heißt das für Ihre Reisebüropartner? Dürfen sie sich auf spannende Seminarreisen von Windrose freuen? Klassische Seminarreisen machen wir weiterhin nicht. Wir haben ja einen Mix aus Direkt- und Agenturkunden. Da die Reisen so individuell sind, ist es schwierig, während eines Famtrips die Vielfalt von Individualität und Luxus zu erklären. Aber wir werden Webinare, Einzelschulungen oder andere Themen wieder anschieben.

„Die spannende Frage ist, in welche Richtung sich der Luxus entwickelt.”
„Das Iberostar Grand Portals Nous mit dem modernen Design von Marcel Wanders passt ideal zu unseren Konzert-Events.“
„Das Ziel ist nicht, ein Mengenprodukt daraus zu machen, sondern Spots und Icons zu setzen.“

Die Eventreise zum Besuch der „Legends VIP“-Sommerkonzerte etwa von Bryan Adams oder Richard Marx auf der Driving Range war ja zum ersten Mal im Programm. Ist das schon ein Resultat aus den Marktforschungsumfragen? Wollten Sie damit ein neues Klientel ansprechen? Wir haben parallel damit angefangen, weil wir im Team nach neuen Möglichkeiten gesucht und auch diskutiert haben, was Luxus für uns eigentlich ist. Wir waren uns einig, dass besondere Erlebnisse ganz wichtig sind. Die Kooperationen mit Roland Michael Obermüller, dem Veranstalter der „Legends VIP“-Konzerte, und dem Iberostar Grand Portals Nous haben sich sehr gut angeboten, sodass wir daraus viertägige Pakete geschnürt haben. Neu ist auch eine Reise zur Art Basel Miami Beach Ende November, die für mich eine ähnliche Qualität hat. Auch das ist eine ganz eigene Experience. Man kann solche Reisen auch nicht mal eben so leicht zusammenstellen, sondern braucht Partner vor Ort, die den Gästen für Fragen zur Verfügung stehen.

Wird Windrose auch im Sommer 2023 Konzert-Pakete auf Mallorca anbieten? Das hängt davon ab, welche Künstler kommen. Ich würde es gern fortsetzen, weil es ein spannendes Thema ist. Mit dem Hotelpartner sind wir sehr zufrieden, das Iberostar Grand Portals Nous mit dem modernen Design von Marcel Wanders passt ideal zu so einem Kurztrip.

Wie groß ist die Nachfrage? Ein Vorteil ist sicher, wenn längerfristige Buchungen möglich sind. Wir hatten beispielsweise sofort Buchungen für Bryan Adams und für Lionel Richie. Letzterer hat die Tour aber leider coronabedingt abgesagt. Das Ziel ist nicht, ein Mengenprodukt daraus zu machen, sondern Spots und Icons zu setzen.

Inwieweit unterscheiden sich diese Eventreisen von den klassischen Konzertreisen? Ich würde sagen, sie sind eine zusätzliche Facette, die teilweise andere Menschen anspricht. Zum heutigen Mindset gehört aber auch, heute in die Oper und morgen ins Rockkonzert zu gehen.

Mit welchen Partnern arbeiten Sie außerdem auf Mallorca zusammen? Wir arbeiten mit LifeXperiences beim Thema Yachtcharter und je nach Gästewunsch mit Direktkontakten zu Hotels.

„Neu ist auch eine Reise zur Art Basel Miami Beach Ende November.”
Zum heutigen Mindset gehört aber auch, heute in die Oper und morgen ins Rockkonzert zu gehen.

Foto: Wolfgang Laab (Legends VIP)

„Deshalb bin ich überzeugt, dass Hotels, egal in welcher Klasse, teurer werden – oder vielleicht sogar preisgerechter.”

Verlassen wir Mallorca und werfen einen Blick auf den Winter: Was gibt es Neues bei Windrose? Der Winter wird aus mehreren Aspekten für uns sehr spannend, weil endlich Bewegung in Asien kommt, das aus unserer Sicht am stärksten unter der Pandemie und den härtesten Regelungen gelitten hat. Japan öffnet sich langsam, und die nächste Kirschblüte ist schon sehr gut nachgefragt. Auch Australien undNeuseeland ziehen wieder an. Der Trend ist weiterhin, dass die Kunden bereits geplante Reisen endlich machen möchten – wir haben natürlich auch den Nachfrageüberhang – und je mehr die Märkte öffnen, desto mehr merken wir das natürlich auch.

Sind neue Destinationen im Programm? Viele unserer Angebote sind ja in erster Linie „Geschmacksmacher“, welche die Gäste nach ihren Wünschen verändert haben möchten. Diese aktualisieren wir regelmäßig. Neu ist beispielsweise die Carretera Austral vom chilenischen bis zum argentinischen Patagonien mit unique Experiences wie einem Flug per Wasserflugzeug zu fast nicht erreichbaren Lodges. Bei einer Variante können die Gäste mehr selbst fahren und teilweise über die Fjorde zurückkommen. Ich bin sehr gespannt auf die Nachfrage, weil man diese abgelegene Region nicht automatisch auf seiner Wunschliste stehen hat.

Werden Luxusreisen noch teurer oder wird das Reisen generell zum Luxus? Ich empfinde es momentan als Tendenz in die Richtung, dass Reisen wieder mehr zum Luxus wird. Ich könnte mir vorstellen, dass Gäste statt zwei-, dreimal im Jahr nur einmal verreisen. Vor Corona war der Tourismus an sich stark volumenlastig. Durch die Pandemie hat es so viele Veränderungen gegeben, angefangen vom fehlenden Hotelpersonal, durch das sich auch das Gehaltsgefüge verändert hat. Deshalb bin ich überzeugt, dass Hotels, egal in welcher Klasse, teurer werden – oder vielleicht sogar preisgerechter. Fast am teuersten erlebe ich momentan allerdings Mietwagen, Camper und Wohnmobile. Ich glaube aber, dass hier die Preise wieder sinken werden, wenn die Struktur wieder da ist. Generell gibt es so viele Facetten wie den Krieg in der Ukraine, die Öl- und Gasprobleme plus die Inflation, die sich definitiv im Reisepreis abzeichnen werden.

Luxusreisende haben hohe Ansprüche – sind diese pandemiebedingt noch einmal gestiegen? Die Kunden stellen mehr Fragen zu dem Thema „was ist, wenn?“. Das ist gerade bei den Reisen, bei denen wir mehrere Länder mit unterschiedlichen Regelungen innerhalb einer Reise anbieten, natürlich schwieriger. „Sun & Beach“ mit den Malediven, Seychellen und Mauritius ist sehr gut nachgefragt. Das war allerdings schon während der Pandemie so, weil die Regelungen klar waren.

Wie bereitet sich ein Veranstalter auf eine etwaige weitere pandemiebedingte Umplanung im Winter vor – ist das überhaupt möglich? Ja und nein. Alle haben viel gelernt aus der Corona-Zeit. Wir sind ja gerade mitten in einer Sommerwelle. Ich denke, das Thema wird es weiterhin geben, aber es ist nicht mehr so überraschend, und die Kunden wie auch die einzelnen Destinationen werden anders damit umgehen als zuvor.

Was verstehen Sie ganz persönlich unter dem Begriff Luxus? Das war für mich eine der Kernfragen, als ich bei Windrose angefangen habe. Sind es der weiße Handschuh, der Butlerservice und die Glosche? Das ist vielleicht für den einen Luxus, aber der Begriff ist so vielfältig geworden und die Marktforschung hat uns auch noch mal gezeigt, dass es viel um Erlebnisse und Erfahrungen geht, um Dinge, die man schon einmal machen wollte. Das betrifft auch Menschen, die nicht jedes Jahr reisen, sondern sich alle fünf oder zehn Jahre ihre Reiseträume erfüllen. Für mich ist Luxus ganz häufig auch die Natur und die Erlebnisse, die man dort haben kann – auf ganz vielfältige Art und Weise, etwa auf Safaris oder in tollen Lodges.

Was steht auf Ihrer Wunschliste? Sicherlich die Antarktis, und ich möchte unbedingt einmal zu den Gorillas. Für mich war Reisen immer das höchste Gut. Ich finde auch die Carretera Austral spannend, kann mich aber auch an einem Kurztrip etwa in die Toskana erfreuen. Und ich fahre sehr gerne Ski.

„Wir brauchen mehr Mitarbeiter”

Zum Windrose-Team zählen derzeit 46 Mitarbeiter. „Da wir individuelle Reisen anbieten, ist es natürlich wichtig, Reisedesigner zu haben, die Spaß am Gespräch haben und daran, solche Reisen zu entwickeln. Nach Corona haben wir da Nachholbedarf, um wieder wachsen zu können“, erklärt Christian Böll.

www.windrose.de

„Der Winter wird aus mehreren Aspekten für uns sehr spannend, weil endlich Bewegung in Asien kommt.“