GOOD TO KNOW: Talk mit David Garrett

„Die größte Inspiration ist die Natur“

Bei David Garrett überschlagen sich zur Zeit die Termine: Im März ist seine Autobiografie erschienen, ab August tourt er mit seinem neuen Crossover-Programm „Alive – my Soundtrack“ durch neun Länder und zwei Kontinente, und im November erscheint sein neues Klassikalbum ICONIC. CC sprach mit dem Ausnahmekünstler während seines Aufenthalts im The Residence at Dhigurah auf den Malediven, wo er vor dem Termin-Marathon entsprechend Energie tankte.

David, Du bist gerade auf den Malediven. Brauchst Du eine Auszeit? Absolut! In den letzten Monaten war ja sehr viel los bei mir: Meine Autobiografie „Wenn Ihr wüsstet“ ist im März dieses Jahres erschienen, und ich war seit Februar auf Promotion-Touren – und jetzt kommen auch die ersten Konzerte. Wir werden ab dem 24.08.22 bis Anfang November wieder auf Konzert-Tour gehen. Wir spielen ja nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien, Osteuropa, Griechenland und Süd- und Mittelamerika. Das heißt, wir werden sehr viel unterwegs sein. Deshalb habe ich gedacht, dass es vorher noch sinnvoll ist, eine kleine Erholungspause zu machen und Energie zu tanken. Ab November steht dann ja auch die Veröffentlichung meines neuen Klassikalbums „ICONIC“ an. Also werde ich bis kurz vor Weihnachten keine Möglichkeit haben, zu verschnaufen. Deshalb ist gerade jetzt der perfekte Zeitpunkt, zwei Wochen Energie und Sonne zu tanken und ein bisschen Sport zu treiben. Die Geige ist natürlich auch dabei, damit ich jederzeit arbeiten kann. Freizeit und Arbeit zu verbinden, das ist für mich einfach eine gute Kombination.

Warum hast Du eigentlich das The Residence Maldives für Deinen Urlaub gewählt? Ich habe mich natürlich vorher ein bisschen dahingehend umgesehen, wo die Gegebenheiten so sind, dass ich auch in Ruhe arbeiten kann. Es gibt ja das eine oder andere Resort, das so klein ist, dass nicht mal ein gutes Fitnessstudio Platz hat. Ich brauche gute Freizeitangebote, weil ich ja nicht den ganzen Tag mit der Geige üben möchte. Vor ein paar Jahren habe ich auf den Seychellen zwei Wochen Urlaub gemacht, und ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viel geübt, einfach nur deshalb, weil es nichts anderes zu tun gab. Im Urlaub brauche ich ein bisschen Ablenkung, sonst bin ich wirklich Tag und Nacht mit Musik beschäftigt. Ich brauche ein Angebot an Aktivitäten, das mich interessiert. Tauchen gehört auch dazu. Und wenn es Gesellschaftsspiele im Angebot gibt, finde ich das auch toll.

Das The Residence Resort besteht ja aus den zwei Inseln Falhumaafushi und Dhigurah, die über eine einen Kilometer lange Brücke verbunden sind. Wie überwindest du die Distanz? Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Elektro-Buggy? Das Schöne hier ist, dass jeder ein Fahrrad ohne Gangschaltung zu Verfügung hat. Damit kann wirklich jedes Kind wunderbar fahren. Wir machen das täglich, und das gefällt mir sehr. Der ganze Tag ist geradezu unbewusst sportlich. Und so etwas liebe ich ja. Man fährt schon mit dem Fahrrad zum Frühstück, und danach radelt man zum Korallenriff, um zu tauchen. Ganz automatisch nimmt man das Fahrrad, um Kaffee zu holen. Den kann man sich natürlich auch in die Villa bestellen, aber wer macht denn sowas? Ich bin gestern noch mit dem Fahrrad von der einen zur anderen Insel gefahren, weil es da ein Restaurant gibt, das ich besonders liebe. Und der Sonnenuntergang über dieser Brücke ist ganz speziell und atemberaubend. Ich glaube, das ist die schönste Fahrradstrecke die ich je erlebt habe.

Bist du eher der Beach-Villa oder der Water-Villa-Typ? Ich bin ja mit meiner Freundin und meiner Mutter hier. Wenn man so etwas Schönes wie die Malediven besuchen darf, will man das ja auch mit seinen Liebsten teilen und genießen. Am ersten Abend wurde ich vom Resort in einer Wasservilla untergebracht, genau die, in der ich momentan auch das Interview gebe. Mir ist am nächsten Tag aufgefallen, dass ich den Sand zwischen meinen Zehen vermisse, und die Resort-Leitung war dann so lieb, mir doch wieder eine Strandvilla zu geben. Ich sitze halt gerne im Sand am Strand, das gibt mir das richtige Urlaubsfeeling. So luxuriös und speziell es auch ist, wenn man über dem Wasser in einer Villa lebt, aber für mich ist das Gefühl von Sand unter den Füßen, wenn man morgens zum Kaffeetrinken rausgeht, einfach wichtig.

Wirken die Malediven auch inspirierend auf dich? Die größte Inspiration ist die Natur, wo auch immer man ist. Und mal ehrlich, die Malediven sind einer der schönsten Flecken auf der Welt. Punkt! Ich habe ja in meinem Leben doch schon die eine oder andere Urlaubsreise angetreten. Und seit Jahren habe ich meiner Mutter gesagt „Mama, das nächste Mal, wenn ich auf die Malediven fliege, nehme ich dich mit. Das musst du einfach gesehen haben“. Ich freue mich, dass es jetzt endlich geklappt hat, dass ich ihr das auch mal zeigen kann, weil es natürlich eine ganz andere Welt ist. Ich habe ja selber auch ein Domizil auf Mallorca, welches unglaublich schön ist, wirklich ein Traum. Allerdings, was die Natur, das Klima und die Ruhe betrifft, die man auf den Malediven erlebt – das heißt, keine Autos, keine Geräuschkulisse, die nicht aus der Natur kommt – das ist etwas, was mich unglaublich schnell entspannt und runterfahren lässt. Ich bin sicherlich jemand, der sehr, sehr gerne arbeitet. Das tue ich hier auch. Aber wie gesagt, durch die angebotenen Aktivitäten arbeite ich nicht mehr als ein, zwei Stunden am Tag. Das ist für mich der beste Urlaub, den ich mir für mich vorstellen kann.

Gibt es noch andere Destinationen, die dich faszinieren? Die Seychellen habe ich auch schon mal ausprobiert. Da gibt es allerdings für mich persönlich einen großen Nachteil, obwohl die Inseln wunderschön sind. Ich habe sozusagen eine Spinnenphobie, und ich mag diese Tiere überhaupt nicht. Auf den Seychellen gab es diese „Palm Tree Spiders“. Jeden Morgen, wenn ich von meiner Strandvilla durch die Palmen gehen musste, hatten die Spinnen über Nacht ein großes Netz gebaut. Ein Naturschutzgebiet, durch das ich mich jeden Morgen durchkämpfen musste. So schön es dort auch war, die Spinnen habe ich einfach nicht verkraftet. Da habe ich ein Kindheitstrauma. Wir hatten zu Hause im Keller in Aachen immer große Spinnen. Deshalb wollte ich nie in den Keller.

Gibt es für dich eigentlich Parallelen zwischen dem Reisen und der Musik? Das Timing muss stimmen, und ich glaube, dass man für einen Urlaub bereit sein sollte. Einfach Urlaub zu machen, weil man gerade Zeit hat, ist nicht zwingend richtig. Ich glaube, dass man in dem Moment, in dem man sich bewusst einen Ort aussucht, auch einen Plan für sich selber haben sollte. Urlaub verbinde ich nicht mit Faulenzen, sondern mit einer Atmosphäre, die inspirierend ist. Urlaub heißt für mich immer, Kraft zu tanken, liefert mir aber auch Inspiration und Motivation. Das heißt, für mich muss der Zeitpunkt der richtige sein. Wenn ich zum Beispiel weiß, es gibt noch ein paar Sachen, die ich noch etwas ausarbeiten muss, nehme ich mir die Zeit, weit weg von zu Hause.

Wo liegt denn dein Lebensmittelpunkt? Ich würde sagen, in den letzten paar Jahren lag er wegen der Pandemie in Berlin. Ich habe aber immer noch eine sehr schöne Wohnung in Soho, New York. Mein Studium an der Juilliard School ist zwar schon über ein Jahrzehnt her, aber ich pflege dort viele meiner Freundschaften. Es ist schon etwas anderes, Menschen vor 15 Jahren kennengelernt zu haben, als man noch am Anfang seiner Karriere stand. Das ist schon noch eine andere Natürlichkeit in der Entwicklung der Beziehung. Deshalb habe ich meine Wohnung auch behalten und verbringe zum Beispiel nach den Konzerten in Mexiko dort etwas Zeit. Auch wenn es nur fünf oder sechs Tage sind, bevor ich wieder nach Deutschland muss, fliege ich über New York, sehe nach, ob alles in Ordnung ist und ob die Wohnung noch steht.

Dein Bruder lebt ja auch in New York? Richtig, mein Bruder ist auch da. Das verbinde ich natürlich auch immer mit einem Besuch bei ihm. Er lebt inzwischen in Upstate New York und hat eine Familie gegründet, mit zwei Kindern, einem Hund und einem Haus mit Palisadenzaun.

Wie sieht es denn mit deiner Familienplanung aus? Meine Familienplanung? Ich lebe jetzt mit meiner Freundin und meiner Geige, insofern glaube ich, dass das schon ein ganz gutes Drehbuch ist.

Die Geige, dein Baby? Naja, sie kommt immer brav im Handgepäck mit.

Deine Tournee startete am 24.8. in Wien. Magst du die Stadt? Natürlich. Wien ist ja eine der größten Kulturstätten Europas. Ich habe in Wien schon um die 30 Konzerte gegeben. Besonders gerne erinnere ich mich an mein allererstes Konzert dort. Das war etwas ganz Besonderes für mich, denn ich war 15 Jahre alt und habe im Großen Musikverein-Saal auf der Bühne gestanden, der ja das musikalische Epizentrum der Stadt ist. Damals habe ich mit Yehudi Menuhin am Dirigentenpult und mit den Wiener Symphonikern das Elgar-Violinkonzert gespielt. Ich glaube, viel mehr geht mit 15 Jahren nicht. Das Konzert hat sich bis heute in mein Hirn eingebrannt, weil es einfach eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens war und ist. Aber in Wien habe ich zum Beispiel auch viele Wochen für den Paganini-Film gedreht, und ich habe in der Zeit über drei Wochen im Hotel Sacher gewohnt. Das heißt, in Wien kenne ich mich ganz gut aus. Und den einen oder anderen Käsekrainer habe ich da auch schon gegessen.

Worauf kommt es dir bei einem Hotelaufenthalt am meisten an? Für mich gibt es ein paar Eckpunkte bei einem Hotel, die mir sehr, sehr wichtig sind. Zum Beispiel guter Service steht für mich über allem. Es gibt Hotels, in die ich seit Jahren immer wieder einchecke, weil der Direktor unglaublich liebenswürdig ist, die Mitarbeiter so toll sind und sich auf meine Bedürfnisse einstellen können. Ihnen kann ich sagen, gebt mir doch ein Zimmer, das so liegt, dass ich auch abends üben kann, ohne die Nachbarn zu belästigen. Und auch Bett, Matratze und Kissen sind unglaublich wichtig, und natürlich auch die Lage. Ich glaube, gerade wenn man wenig Zeit hat, ist die Lage in einer Stadt wichtig – wo man, auch wenn man nur fünf Minuten spazieren geht, die Stadt einatmen kann. Ich wohne nicht gerne im Außenbezirk, auch wenn das Hotel dort großartig sein sollte. Da bevorzuge ich lieber die „Pension Angelika“, die in der Innenstadt liegt und eine gute Matratze hat. Auf Hotels lege ich sehr großen Wert.

Nach welchen Kriterien werden Hotels für deine Tourneen gebucht? Es wird kein Hotel gebucht, ohne dass ich mir das vorher angesehen habe. Das weiß man. Da bin ich wirklich penibel. Ich würde sagen, 50 bis 60 Prozent im Jahr schlafe ich in Hotelbetten. Die Hotels, in denen ich wohne, sind also für ein halbes Jahr mein Zuhause. Darum muss ich mich da auch wie zuhause fühlen.

Was bedeutet für dich persönlich Luxus?

Zeit. Die Zeit schön und produktiv zu nutzen. Ich finde, wenn man die Zeit schön nutzt, ist sie meistens auch produktiv. Und das ist für mich der größte Luxus: etwas zu kreieren, auch in einem Umfeld, das man vielleicht gar nicht mit Arbeit verbindet. Aber die Zeit für sich so zu nutzen, dass man abends, wenn man ins Bett geht, sagt „ach, was für ein schöner Tag“. Und dabei sind schlechte oder gute Nachrichten völlig egal. Das verpufft. Was gestern schlecht war, kann morgen wieder das Beste überhaupt sein, weil man einen anderen Weg gefunden hat, etwas umzusetzen. Insofern ist Zeit für mich der größte Luxus.

Dein neues Album erscheint am 4. November. Was können wir erwarten? Einen ganz neuen David Garrett? „ICONIC“ wird ein schönes, klassisches Album. Ich habe es mit der Deutschen Grammophon dieses Jahr aufgenommen. Darauf sind 22 fantastische, mit Orchester arrangierte, klassische Werke enthalten, die jeglichem Publikum und allen Generationen die Klassik näherbringen werden. Es war ja immer mein Herzensprojekt, genau das zu tun.

Tournee-Infos unter:

www.david-garrett.com

Infos zu den The Residence Hotels auf den Malediven:

www.cenizaro.com/theresidence/maldives-dg

Fotos: David Garrett privat, The Residence Hotels Interview: Simone Dressler