GOOD TO KNOW: Branchentalk mit Ingo Lies

„Luxus muss mich ins Staunen versetzen“

“Wir schaffen mit unseren Gruppenreisen das Gefühl, mit Freunden unterwegs zu sein.”

Mit Chamäleon Reisen organisiert Gründer Ingo Lies seit 25 Jahren etwas andere Reisen in ferne Länder. CC VIP sprach mit ihm über die sich wandelnde Bedeutung von Luxus, das Geheimnis seines Erfolgs und was seine Reisen besonders macht.

Herr Lies, was bedeutet für Sie Luxus? Für mich bedeutet Luxus vor allem Zeit, Zeit in der Natur. Das möchte ich genießen. Dabei treten materielle Dinge in den Hintergrund. Für mich ist Luxus auch, in einer einmaligen Unterkunft zu übernachten. Das Einmalige kann ganz verschieden sein, mal ein Luxuszelt, mal ein Maharadscha-Palast, mal der Sternenhimmel. Luxus ist in meinen Augen nicht der goldene Wasserhahn, sondern ein Wasserhahn, den ich noch nicht kenne und der mich ins Staunen versetzt. Vier Sterne sind es aber immer mindestens.

Sind Chamäleon-Reisen Luxus? Ich würde sagen, immer mehr. Wir haben viele Gäste, die zuvor individuell gereist sind und oft auch luxuriös. Luxusreisen hängen ja eng mit Unterkünften zusammen, und natürlich bekommen wir auch Fragen wie „Was ist das für ein Hotelstandard?“ Wir erklären dann, wie wir unsere Unterkünfte aussuchen. Hinterher sagen die Gäste, das hat mir eigentlich viel besser gefallen als mein gewohntes Fünf-Sterne-Hotel, die manchem dann eher langweilig vorkommen. Gerade gestern hat mir eine Kundin geschrieben: „Die schönste Nacht meines Lebens habe ich in Namibia auf Ihrer Reise verbracht, wo ich auf der Terrasse meines Chalets unter dem Sternenhimmel geschlafen habe.“ Dort, in der Wüstenlandschaft Sossusvlei, schieben wir die Betten auf die Terrasse, und die Gäste schlafen draußen. Natürlich empfindet das jeder anders, aber für diese Frau war das ein ausgesprochener Luxus.

Nun gibt es ja zum Beispiel in Botswana sehr exklusive Lodges. Die bietet Chamäleon aber nicht an. Das Problem in Botswana ist, man schläft entweder im 1.000-Dollar-Zelt oder in seinem eigenen. Dazwischen gibt es nicht viel. Deshalb haben wir dort – und in anderen Ländern wie Tansania – mit Partnern vor Ort mittlerweile 30 Lodges gebaut. In Botswana zum Beispiel die Gomoti River Lodge mit dem früheren Bürgermeister von Maun. Das sind 20 Chalets mit gutem Vier-Sterne-Niveau, nicht im, sondern direkt angrenzend an den Nationalpark. Auf Stelzen im Okavango-Delta gibt es aber das gleiche Feeling. Der eigentliche Luxus ist hier ja auch nicht die Lodge, sondern die Safari in einem Gebiet, wo man mit den Tieren fast alleine ist.

Was macht Ihre Reisen besonders? Ein wichtiger Punkt ist das Gruppenerlebnis. Es ist ein Grundbedürfnis der Menschen, ihre Erlebnisse mit anderen zu teilen. Alleinreisende schicken hunderte Whatsapp-Bilder an ihre Freunde zuhause, die damit aber eigentlich wenig anfangen können. Das macht vielmehr Sinn in der Gruppe, mit der man unterwegs ist. Als wir vor 25 Jahren angefangen haben, gab es aber nur alleine reisen oder in großen Gruppen. Unsere Idee war damals, das beste von beidem zu verbinden. Maximal zwölf Leute, meistens sind es nur zehn, in ganz unterschiedlichen Altersgruppen von 20 bis 70 Jahren sitzen um einen Tisch. Man könnte denken, das sei eine Katastrophe. Ist es aber nicht. Es funktioniert, weil alle ein gleiches Interesse haben, nämlich ein Land authentisch kennenzulernen. Und weil wir die Reisen bis ins kleinste Detail planen. Wir schaffen das Gefühl, mit Freunden unterwegs zu sein. Unsere Fahrer und Reiseleiter zeigen ihre Heimat, wir besuchen Menschen. Und auch die Unterkünfte werden von einheimischen Gastgebern betrieben und geben den Gästen ein Gefühl wie zuhause. Wir versuchen dabei, eine Balance zwischen Gruppe und Freiheit zu finden. Niemand soll das Gefühl haben, er ist an die Gruppe gefesselt. Wer will, kann unterwegs eigene Wege gehen, alleine wandern oder alleine den Sonnenuntergang genießen.

“Luxus ist in meinen Augen nicht der goldene Wasserhahn, sondern ein Wasserhahn, den ich noch nicht kenne und der mich ins Staunen versetzt.”

Traumdestination?


„Der Himalaya, ob das Nepal, Bhutan oder Indien ist. Ich war dort sehr oft. Dort zu sitzen und auf 8.000er zu schauen, das macht etwas mit mir, bringt eine besondere Demut und Dankbarkeit hervor.”
“Ich glaube nicht an Vorschriften, ich glaube an Selbstverantwortung.”

Organisiert Chamäleon auch Privatreisen? Bisher hatten wir das nur in Tansania, wir sind aber dabei, das für alle Reiseziele auszubauen. Das heißt, unsere ausgefeilten Reisen kann man auch nur zu zweit, mit Familie oder Freunden buchen. Es ist das gleiche Erlebnis wie in unseren gemischten Gruppen. Natürlich lassen sich unsere Touren um einen Aufenthalt verlängern, aber wir organisieren keine individuellen Reiserouten. Das können andere besser als wir.

Wie ist Chamäleon bisher durch die Krise gekommen? Sehr gut, dank unseres Teams und der staatlichen Hilfen. Wir haben von Anfang an versucht, möglichst viele Gäste umzubuchen. Wir sind davon ausgegangen, dass die Kunden ja das Land nach wie vor kennenlernen wollen, wegen Corona wird das halt später. Diese Strategie ging auf, wir haben 70 Prozent Umbuchungen geschafft.

Finden derzeit überhaupt Reisen statt? Seit Juli vergangenen Jahres konnten wir zehn Prozent der Reisen durchführen, hauptsächlich Europa, ein bisschen Tansania, Uganda und Costa Rica. Seit Juni geht es aufwärts. Jetzt sind wir bei 30 Prozent.

Haben Kunden Angst oder Bedenken, zu reisen? Jedenfalls ist das Interesse der Kunden kleiner als man denken könnte. Ich hätte mehr neue Buchungen erwartet. Die Menschen sind sehr verunsichert, auch weil es von der Politik keinen klaren Kurs gibt. Die Reisebüros sind teilweise noch nicht voll aktiv, was uns natürlich auch schadet. Viele sind noch in Kurzarbeit. Ich hoffe, dass sich das im Herbst dreht. Im nächsten Jahr erwarte ich dann 60 bis 80 Prozent des Geschäfts von 2019.

Einige Kreuzfahrtreedereien lassen nur noch Geimpfte an Bord. Sind Rundreisen für Geimpfte eine Option für Chamäleon? Nein. Ich glaube nicht an Vorschriften, ich glaube an Selbstverantwortung. Ja, wir fragen unsere Gäste, ob sie geimpft sind und bitten sie, uns zu informieren, wenn das nicht der Fall ist. Im August hatten wir 600 Gäste, und nicht einmal zehn hatten sich gemeldet, dass sie ungeimpft sind. Ich finde, das ist auch eine Verantwortung den Mitreisenden und den Menschen im Land gegenüber. Aber es widerstrebt mir, unseren Gästen Vorschriften zu machen.

Chamäleon engagiert sich in den Zielgebieten. Wie ist die Situation vor Ort? Sehr unterschiedlich. Manchen unserer Partner geht es gut, die haben ihre Programme umgestellt und halten sich mit Inlandstourismus über Wasser. Das geht in Ländern wie Neuseeland, aber nicht in Marokko und anderen afrikanischen Ländern. In Südafrika sind schon über 100 Unterkünfte insolvent, hauptsächlich kleine. Die Zielgebietsorganisationen haben viele ihrer Mitarbeiter freigestellt und hoffen, dass die irgendwie durchkommen.

“Wir haben in der Pandemie 70 Prozent Umbuchungen geschafft.”

Erste Pandemiehilfe?


„Wir haben mit einem Solidaritätsfonds eine Million Euro bereitgestellt. Das Geld kommt von uns. Damit finanzieren wir ausschließlich Gehälter für die Mitarbeiter bei unseren Partnern in den Zielgebieten, die es brauchen, um durch diese Zeit zu kommen.”
“Meine persönliche Bucketlist ist weitgehend abgearbeitet.”

Sie haben einen Solidaritäts-Fonds ins Leben gerufen. Wie genau funktioniert der Fonds? Wir haben eine Million Euro bereitgestellt. Das Geld kommt von uns. Damit finanzieren wir ausschließlich Gehälter für die Mitarbeiter bei unseren Partnern in den Zielgebieten, die es brauchen, um durch diese Zeit zu kommen. Das sind für die meisten keine Geschenke, sondern Vorauszahlungen, die wir dann mit Leistungen im nächsten Jahr verrechnen. Bislang haben Partner in 30 Ländern den Fonds in Anspruch genommen. 750.000 Euro haben wir schon überwiesen. Chamäleon engagiert sich auch für Umweltschutz, schützt den Regenwald und versucht, nachhaltig zu wirtschaften. Doch es bleiben die Flüge und ihre Treibhausemissionen.

Kann es überhaupt nachhaltige Fernreisen geben? Der Flug ist ein Problem. Ich glaube aber schon, dass es irgendwann Lösungen für klimaneutrales Fliegen geben wird. Da reden wir allerdings frühestens über 2040. Aktuell kann man das Flugproblem aber nicht wegreden. Wir setzen den Schutz des Regenwaldes dagegen und kaufen für jeden Gast 100 Quadratmeter. Ich glaube aber, dass die positiven Effekte von Fernreisen wichtiger sind als die negativen. Da nehme ich auch große Worte in den Mund wie Frieden, Völkerverständigung und Wohlstand für ärmere Länder. Um mal eine Zahl zu nennen: Von uns alleine sind 2019 rund 50 Millionen Euro nach Afrika geflossen, denn 70 Prozent des Reisepreises fließen in das jeweilige Land. Wir haben vor, das Thema nachhaltige Fernreisen in der Öffentlichkeit besser zu erklären.

Wird die Klimadebatte die Entdeckerlust der Deutschen bremsen? Ich glaube schon, dass es insgesamt weniger wird. Das finde ich aber gut. Wir können dafür länger unterwegs sein und bewusster reisen, vielleicht auch mal eine Städtereise weglassen.

Sie haben schon fast die ganze Welt gesehen. Was hat Sie am meisten beeindruckt? Der Himalaya, ob das Nepal, Bhutan oder Indien ist. Ich war dort sehr oft. Dort zu sitzen und auf 8.000er zu schauen, das macht etwas mit mir, bringt eine besondere Demut und Dankbarkeit hervor. Der zweite Ort ist Namibia als Sinnbild Afrikas und Ursprungs der Menschheit. Die Abende am Lagerfeuer, das Zirpen der Grillen und die funkelnden Sternen.

Was steht bei Ihnen noch auf der Bucketlist? Meine Bucketlist ist weitgehend abgearbeitet. Ich gehe jetzt bewusster an Orte zurück. Was ich tatsächlich noch nicht gemacht und für November nächstes Jahr gebucht habe, ist eine Expedition in die Antarktis.

Und wie andere für ein paar Stunden ins All zu fliegen? Null. Wir haben hier auf dem Planeten genug Probleme, das Fliegen nachhaltiger zu machen. Ein Ausflug ins Weltall belastet das Klima um ein Vielfaches. Das ist nicht meins. Interview: Thomas Hartung, Fotos: Chamäleon Reise

“Ich glaube aber, dass die positiven Effekte von Fernreisen wichtiger sind als die negativen.”

Ingo Lies hat schon die ganze Welt bereist. Vor 25 Jahren begann er, selbstgeführte Reisen nach Nepal zu organisieren und legte damit den Grundstein für Chamäleon Reisen. Die Grundidee: Ein Land in kleinen Gruppen wirklich kennenlernen, mit Einheimischen unterwegs sein. Der Berliner Reiseveranstalter zählt heute rund 90 Mitarbeiter und hat gerade seinen Katalog für das kommende Jahr veröffentlicht, 60 Länder auf 450 Seiten. www.chamaeleon-reisen.de